Kameraprojekt

20 Kameras, 20 Kinder und Jugendliche, 20 Geschichten.

Die Flüchtlingskrise der letzten Jahre wird oft als ein europäisches Problem, eine europäische Krise gesehen. Derzeit sind 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, doch keines der sechs größten Aufnahmeländer liegt in Europa. Nach Syrien und Afghanistan fliehen die meisten Menschen aus Somalia, dem Sudan, dem Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo, teilweise schon seit Jahrzehnten. Man könnte sagen, Subsahara hat Erfahrung mit Flüchtlingen, warum nicht in diese Region blicken, wenn man verstehen möchte, wie man mit großen, anhaltenden Flüchtlingsströmen umgehen kann. Sicherlich ist der Einwand richtig, dass die Gesamtsituation grundlegend verschieden ist, und auch riesige Flüchtlingslager wie Dadaab in Kenia mit über 1 Millionen Flüchtlingen keine positiven Beispiele sind, die man nach Europa übertragen sollte. Doch dennoch gilt es, die Situation von Millionen Flüchtlingen dieser Region genauso in das öffentliche Interesse und die Medien zu rücken, auch wenn man nichts oder nur wenig daraus lernen kann.

Aufgrund der anhaltend angespannten und konfliktbelasteten Situation in Ostafrika ist die derzeit zu lesende Berichterstattung sehr auf Distanz gehalten und berichtet größtenteils über die aktuellen Statistiken des UNHCR oder Äußerungen der politischen Entscheidungsträger, anstatt ein detailliertes Bild über Flüchtlings- und Einzelschicksale zu vermitteln.

In Rahmen unseres entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes bzw. einem freiwilligen Auslandspraktikum beim ugandischen Roten Kreuz beschlossen wir daher, das Flüchtlingslager Rwamwanja in Uganda zu besuchen und den Flüchtlingen die Möglichkeit zu geben, ihr Leben, ihr Umfeld, ihre Welt selbstständig aus ihren Augen zu dokumentieren.

Dazu starteten wir bereits in Deutschland einen Spendenaufruf für Kameras, der auf enorm positive Resonanz stieß, sodass wir schon nach kurzer Zeit genügend Kameras gesammelt hatten, um jede*n der 20 Teilnehmer*innen mit einer eigenen auszustatten. Gleichzeitig unterstützt die Sparkassenstiftung Erfurt unser Teammitglied Meret Wegler durch ein Kulturstipendium für dieses Projekt, wodurch die nötigen Arbeitsmaterialien und –geräte, sowie zusätzliche Akkus und Ladegeräte finanziert werden konnten.

Bereits im Januar und März 2016 konnten wir daher schon erste Absprachen mit dem Roten Kreuz vor Ort in Rwamwanja machen und das Lager besichtigen. Zusammen mit den lokalen Freiwilligen entwickelten wir Strategien und Pläne zur Umsetzung des Projekts. Das Flüchtlingslager Rwamwanja wählten wir dabei, aufgrund der bereits bestehenden Beziehungen zur Roten-Kreuz-Stelle im Lager.

Im Refugee Settlement Rwamwanja leben ca. 70.000 Flüchtlinge, die zur großen Mehrheit aus der Demokratischen Republik Kongo geflohen sind. Wie es im Namen schon zu erkennen ist, ist Rwamwanja mehr als Siedlung, anstatt als Lager zu begreifen, denn die Flüchtlinge haben ihr eigenes Land, auf dem sie meist ein Haus bauen und Lebensmittel anpflanzen. Mehr zum Flüchtlingslager Rwamwanja finden Sie bei Flucht nach Uganda.

Rwamwanja Refugee Settlement

Im April 2016 zogen wir schließlich nach Rwamwanja und begannen mit dem eigentlichen Fotoprojekt. Zunächst galt es, aus den 70.000 potentiellen Interessenten 20 Kinder und Jugendliche auszuwählen, die eine Kamera und das dazugehörige Training von uns erhalten sollten. Uns war wichtig, eine möglichst inhomogene Gruppe auszuwählen, damit später auch die Fotos und Interviews die nötige Diversität erhalten. Nachdem wir die unterschiedlichen Bereiche und Dörfer der Flüchtlingssiedlung besucht hatten, entschieden wir uns, unsere Gruppe folgendermaßen aufzuteilen:

  • 6 Teilnehmer*innen sollten von der Reception, der Erstaufnahmestelle und gleichzeitig dem Schutzzentrum für besonders gefährdete Menschen, wie beispielsweise Albinos kommen
  • 6 weitere Kinder und Jugendliche wählten wir aus der Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die ohne Eltern oder Pflegeeltern selbstständig in einem eigenen Bereich wohnen
  • 4 Mitglieder*innen der Gruppe wählten wir zufällig auf der Straße, während wir durch eines der Dörfer innerhalb der Siedlung fuhren
  • Die 4 verbleibenden Teilnehmer*innen füllten wir, indem wir dem Leiter aller Jugendgruppen in Rwamwanja baten, uns vier Kinder oder Jugendliche aus den verschiedenen Gruppen auszuwählen und zu schicken

Insgesamt sind wir absolut zufrieden mit unserer Gruppe aus Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 23 Jahren, die alle aus dem Kongo, allerdings aus unterschiedlichsten Kontexten stammen, was sich auch bei den Interviews und Fotos widerspiegelt. Natürlich war es dennoch nicht leicht, ausschließlich 20 Menschen aus diesem riesigen Interessentenkreis auszuwählen, was uns immer wieder vor schwierige Entscheidungen stellte, die wir in erster Linie damit zu lösen versuchten, dass wir allen, denen wir absagen mussten, einen festen Platz bei einem unserer anderen Trainings versprachen (siehe Projekte).

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Dankenswerterweise stellte uns die Rwamwanja Primary School, welche auch von der Hälfte unserer Gruppe besuchtwird, einen ihrer Klassenräume nach Unterrichtsschluss um 17 Uhr zur Verfügung, sodass das Projekt beginnen konnte.

Das Kameraprojekt

Schon bei unserem ersten Treffen mit den Kindern waren quasi alle Teilnehmenden, inklusive uns begeistert. Mithilfe unserer Übersetzer konnten wir jedes der anfangs täglich stattfindenden Treffen mit einem Gruppenspiel beginnen und schließlich im Klassenraum verschiedene Techniken oder Tricks erklären, die die Kinder dann in Form einer bestimmten Fotoaufgabe selbstständig üben sollten. Das technische Verständnis innerhalb der Kinder und Jugendlichen lag enorm niedrig, sodass vielen das grundlegende Prinzip einer Kamera zunächst erklärt werden musste. Unter den Älteren waren allerdings auch einige, die bereits in der Lage waren, ihre Kameras zu bedienen und auf bestimmte Einstellungen zurück zu greifen. Wir versuchten die Teilnehmer*innen trotz ihrer unterschiedlichen Level individuell zu fördern, indem wir beim Verteilen der Kameras auch die Qualitäts- und Komplexitätsklasse der Kameras im Verhältnis zu den Fähigkeiten des Kindes berücksichtigten.

Insgesamt waren alle Kinder mit der Ihnen zugeteilten Kamera sehr zufrieden und bauten oftmals auch eine Beziehung zu dieser auf, sodass es für sie etwas besonderes war mit ihrer Kamera zu fotografieren, die sie auch allen anderen Kameras vorzogen.

Nachdem das Projekt anfangs zum Erklären von grundlegenden Funktionen wie dem Auslöser oder dem Löschen von Bilder im Klassenraum der Primary School stattfand, so gingen wir mit fortgeschritteneren Fähigkeiten auch immer weiter von dieser weg und machten Ausflüge. Die Kinder sollten Übung in verschiedenen Motiven, Perspektiven, Entfernungen und Ausschnitten bekommen. Schnell kristallisierten sich individuelle Vorlieben und Stärken, beispielsweise für Porträts oder Landschafts- oder Tierbilder heraus.

Die Kinder durften schließlich auch am Programm partizipieren und bestimmen, welche Techniken sie noch vertiefen möchten, nachdem alle gemeinsam ein grundlegendes Niveau erreicht hatten.

Wir haben auch gewartet, bis die Kinder ein Gefühl für ihre Kamera entwickelt haben, bevor wir aufgehört haben, sie bei jedem Treffen neu auszuteilen und am Ende wieder einzusammeln, da wir befürchteten, dass die Kameras durch Unachtsamkeit kaputt gehen oder geklaut werden. Schließlich haben wir alle Kinder an ihren Wohnorten mit ihren Kameras besucht, die sie uns gezeigt haben und als übergreifende Aufgabe auch selbst fotografisch dokumentieren sollten, sodass wir die Kameras schließlich jedem selbst übergaben. Viele unserer Kinder und Jugendlichen waren sehr stolz und haben ihre Kameras herum gezeigt und vielen anderen Kindern auch ausgeliehen, die genauso begeistert waren.

Einige Probleme bereitete es lediglich, die Kameras selbstständig aufzuladen, da wir das bisher ebenfalls für die Kinder erledigt hatten. Strom gibt es in Rwamwanja nur durch Solarzellen oder Generatoren, beides Dinge über die die meisten unserer Teilnehmer*innen nicht verfügen konnten. Glücklicherweise konnten sie sich allerdings untereinander arrangieren und auch die Hilfsorganisationen im Lager baten an, die Kameras in ihren Büros laden zu lassen.

Damit hatten wir nach vier Wochen die Grundlagen dafür geschaffen, dass 20 Kinder und Jugendliche aus Rwamwanja in Zukunft selbstständig mithilfe ihrer 20 Kameras ihre Welt und ihre 20 Geschichten dokumentieren und diese, auf ihre individuelle Art, mit uns teilen.